Das Unternehmen Firstbeat steht hinter zahlreichen Wearable-Funktionen, die auf Herzfrequenzvariabilitäts-Messungen basieren. Es bietet aber auch sein eigenes Lifestyle Assessment.

Offenlegung: Ich hatte Firstbeat gefragt, ob sie mich dieses Assessment gratis machen lassen würden, damit ich auch dieses einmal gesehen hätte; sie waren einverstanden und so kann ich diesen Artikel hier liefern.

Warum es ein Lifestyle-Tracking braucht, ist klar:

Ein paar Trainingseinheiten die Woche ergeben noch kein gesundes Leben, es kommt auch auf alltägliche Aktivität an.

Es kommt auch nicht nur auf Aktivität an, sondern auch auf (anderen) Stress und Erholung.

Einen professionellen Blick auf all das bietet Firstbeat eben mit dem Lifestyle Assessment. Zahlreiche Fitnesstracker und Sportuhren bieten ähnliche Funktionen.

Die Tracker und die Energie

Fitnesstracker bieten schon länger einen gewissen Einblick in Training und Aktivität. Sportuhren haben dazu zunehmend aufgeschlossen, zumindest mit Schrittzählung im Alltag und zunehmend mit Schlafaufzeichnung.

Manchmal bieten sie noch einiges mehr…

Die Suunto 3 Fitness, die “Anfängeruhr” der Marke etwa, misst über den Tag hinweg die Herzfrequenzvariabilität (HRV). Damit werden die persönlichen “Ressourcen” bestimmt, also ob man aktiv oder inaktiv, in Erholung oder gestresst, war.

Die Garmin Vivosmart 4 wird offenbar einen ähnlichen “Körperbatterie”-Wert anzeigen. Offenbar mit konstanterem Tracking und Synchronisierung der Daten in die App, so dass man sie auch im Nachhinein betrachten kann.

Die Technologie für diese Interpretationen kommt von Firstbeat, dem finnischen Unternehmen, das vielen Uhrenherstellern die entsprechenden Algorithmen liefert.

Die Ressourcen-Anzeige auf der Suunto 3 Fitness finde ich ziemlich interessant.

Umso mehr fragte ich mich, was Firstbeats eigene Analyse dieser Art wohl zeigen würde (und wie ein Vergleich mit der Suunto 3 Fitness ausfallen würde).

Foto ©Firstbeat

Das Firstbeat Lifestyle Assessment

Die professionelle Lösung für solche Stress- und Erholungsmessung und -interpretation ist das Firstbeat Lifestyle Assesssment.

Normalerweise wird das Assessment von Gesundheitsberatern für Unternehmen oder an Leute, die es sich leisten wollen oder müssen, genaueren Einblick in ihren Lebensstil zu bekommen, angeboten.

Um den Lebensstil derart zu analysieren, wird über ganze drei Tage die Herzfrequenzvariabilität aufgezeichnet. Um diese Daten in ihren Kontext einordnen zu können, führt man ausserdem ein “Tagebuch” mit den wichtigsten Ereignissen dieser Tage: Von wann bis wann hat man geschlafen, wann trainiert, gearbeitet, etc.?

Natürlich wird das online eingegeben (darum das “Tagebuch” in Anführungszeichen).

Die Resultate werden von einem Profi analysiert und danach besprochen.

Wie die Messung mit dem Firstbeat “Bodyguard” funktioniert

Für das Firstbeat Lifestyle Assessment wird nicht einfach eine Smartwatch und deren optischer Herzfrequenzsensor oder ein Pulsgurt verwendet, sondern das “Bodyguard”-Gerät von Firstbeat.

Suunto HR-Gurt und Firstbeat Bodyguard…

Dieser kleine Tracker wird an einer Elektrode unter dem Schlüsselbein angehängt und hat eine weitere Elektrode, die am unteren Brustkorb fixiert wird.

Damit werden die Impulse des Herzschlags in höherer Qualität aufgezeichnet als mit einem Pulsgurt um die Brust, geschweige denn einem optischen Herzfrequenzmonitor am Handgelenk.

Ist das Gerät erst einmal aktiv, dann läuft die Aufzeichnung ziemlich kontinuierlich über drei ganze Tage. Die einzige Ausnahme ist, wenn man das Gerät abnimmt, um zu duschen und die Elektroden zu wechseln.

Der “Bodyguard” startet die Aufzeichnung automatisch, sobald er einen Puls erkennt. Natürlich ist es ein wenig ablenkend, etwas zu tragen, was einem gleich unterhalb der Schulter über die Brust hängt (und ein Kabel quer laufen lässt), aber man gewöhnt sich recht schnell daran.

Zugegeben nur zu oft ertappte ich mich doch auch dabei, nachzusehen, ob alles wirklich immer noch richtig befestigt war. Oder mich jedenfalls zu fragen, warum ich mich noch immer nicht im Kabel verfangen und alles abgerissen hatte…

Nach den drei Tagen der Aufzeichnung ist die Batterie des Bodyguard aufgebraucht, die Aufnahme gestoppt. Man nimmt das Gerät ab und schickt es zurück, um die Daten analysiert zu bekommen.

Einsichten aus dem Firstbeat Lifestyle Assessment

Per HRV-Daten produziert das Lifestyle Assessment einen Überblick – ähnlich wie die Suunto 3 Fitness – über Phasen von Aktivität oder Stress (und damit sinkenden körperlichen Ressourcen) und Phasen der Erholung und Inaktivität (und steigender Ressourcen).

Am Anfang jeder Aufzeichnungs-/Analyseseite des Assessment findet man die Basisdaten, die man eingegeben bzw. der Bodyguard gemessen hat:

Danach kommt einen Überblick über den Tag, mit den verschiedenen Geschehnissen, die man in das Tagebuch eingetragen hat, den Resultaten der HRV-Analyse und einigen Bemerkungen:

Rot zeigt Stress, grün Erholung, dunkelblau mittlere bzw. höhere Aktivität, hellblau geringe Aktivität. Die schwarze Linie zeigt die Herzfrequenz, eine graue Linie zeigt Zeiträume, in denen der Puls nicht aufgezeichnet worden war.

Hinweise hier etwa sind auf: die 15 Minuten mit der grössten Erholung; Training und seinen Effekt (hier wäre das ein “erhaltender” Effekt mit einem Peak Training Effect von 2,6); die 15 Minuten mit der stärksten Stressreaktion.

Schliesslich kommt das Wichtigste, die wirkliche Analyse:

Dieser Abschnitt (jeweils einmal für jeden Tag und einmal am Schluss für den gesamten Messzeitraum) detailliert das Verhältnis zwischen Stress und Erholung, die Qualität (den Erholungseffekt) des Schlafs, körperliche Aktivität (und ihren gesundheitlichen Effekt – das einzige, was sich bei meinem Lebensstil als wirklich gut herausgestellt hat…) und den Kalorienverbrauch.

Bemerkbar ist der Schwerpunkt, den Firstbeat auf das Gleichgewicht zwischen Stress und Erholung, Aktivität und Schlaf (und Schlafqualität) legt. Sonst geht es bei solchem Tracking nur zu oft bloss um Trainingsumfang oder Schritte oder andere Zahlen, bei denen es um nichts als die körperliche Aktivität geht.

Lifestyle Assesssment-Einsichten für das Tracking mit Wearables

Wie das alles funktioniert und analysiert wird, das zeigt, wie solches Tracking Einsichten ergeben kann – aber auch, wie es (bei den meisten Wearables) essentielle Dinge übersieht:

Historische Trends zählen

Erstens werden die Resultate eines solchen Trackings bzw. der Analyse nicht nur für den jeweiligen Zeitpunkt angezeigt, sondern über einen längeren Zeitraum aufgezeichnet. Damit lassen sich Trends erkennen.

Während meines Tests hier etwa war mein Schlaf, ausser in der Nacht vor dem Aufzeichnungsbeginn, nicht gerade grossartig.

Interessanterweise zeigte sowohl die Suunto 3 Fitness, als auch der Firstbeat Bodyguard (mit dessen Messung ich erst am Morgen anfing), meine “Ressourcen” (dank dieses guten Schlafs) als hoch an. Von dort allerdings ging es nur bergab…

Die Suunto 3 Fitness zeigte über diesen Zeitraum ziemlich ähnliche Trends an. Das alleine war schon einmal interessant zu sehen. Diese Uhr verwendet schliesslich nur einen oHR-Sensor (optische Pulsmessung), um Herzfrequenzvariabilität (HRV) zu bestimmen. Das sollte wesentlich schlechter funktionieren.

Der Vergleich von Lifestyle Assessment-Resultaten und den (zusammengestückelten) Anzeigen auf der Suunto 3 Fitness zeigt umso mehr, wie sehr der Uhr eine solche historische Aufzeichnung fehlt. Und das ist nicht alles.

Trends sind gut, aber was ist der Kontext?

Zweitens ist eine solche Aufzeichnung gut und schön, aber ohne irgendwelche Hinweise auf die Gründe für Trends zeigt sie nur ein nutzloses Auf und Ab. Maximal erhält man durch einen Abwärtstrend eine gewisse Warnung, dass etwas nicht stimmt.

Das Firstbeat Lifestyle Assessment fragt zumindest nach Schlafzeiten und Arbeitszeit. Und man könnte noch diverse andere bemerkenswerte Ereignisse eingeben…

Auf jeden Fall hat die Analyse gezeigt, dass meine Schlafzeiten zu kurz sind und mein Schlaf zu oft gestört wurde. Und dabei hatte ich zum Beispiel nicht eingegeben, als ich mit meiner Frau gerade als (und weil) ich ins Bett wollte, einen Streit hatte…

Ein kleines verwandtes Einblickchen bestand darin, dass ich offenbar Glück mit meinem Lehrerjob und der Zugfahrt hin und zurück hatte.

Autofahrten in die Arbeit sind laut Umfragen besonders stressreich; der Lehrerberuf gilt auch nicht gerade als einfach… aber diese Analyse hier zeigte, dass selbst meine Unterrichtszeit eine Erholungsphase beinhaltete, ebenso wie die Zugfahrten.

(Letzteres ist wohl, zugegeben, leicht zu verstehen. Zugfahrten sind schilesslich oft ziemlich gut zum Einschlafen. Wenn man zu wenig Schlaf hatte, dann schon überhaupt.)

Der Professionell-Persönliche Touch

Der letzte Baustein, der das Firstbeat Lifestyle Assessment anders macht als ein blosses Tracking per Wearable: Die Daten werden von einem Profi analysiert.

Selbst die perfekte Aufzeichnung von Tracking-Ergebnissen in einer App, selbst wenn sie automatisch mit einem Hinweis darauf, was zu Zeiten von Stress oder Erholung geschehen war, würde nichts wert sein, würde man sie nie ansehen.

Das echte Ende des Firstbeat Lifestyle Assessment allerdings ist nicht das Ende der dreitägigen Aufzeichnung, wenn das Tracking beendet und der Bodyguard zurück geschickt wird. Das Ende ist der Bericht über die Ergebnisse und deren Besprechung.

Jemanden zu haben, der die Resultate beschreibt, der fragt wie man sich während der Aufzeichnungszeit gefühlt hat und ob die Resultate sich mit den eigenen Gefühlen über diese Zeit decken, das alles zeigt noch etwas, was Apps fehlt.

Die Interpretation, die Apps liefern (wenn es überhaupt eine solche gibt) ist immer noch sehr eingeschränkt und allgemein. Und ihr fehlt natürlich ein persönlicher Touch, das Gefühl – zum besseren oder schlechteren (oder beides zugleich) – das jemand anderer sich auch kümmert.

Will man sich überhaupt verbessern?

Eines, was ganz einfach ist aber nur in persönlicher Interaktion geschieht, nicht mit Wearables und Apps: Es wird zuallererst einmal gefragt, ob man denn überhaupt etwas ändern, an einem Fortschritt arbeiten, möchte.

Nur zu oft werden Wearables und Sporttechnologie gekauft, weil man sich verbessern möchte. Dann kommt der Alltagsstress dazwischen, aber zumindest hat man doch den Fitnesstracker oder die Sportuhr gekauft. Oder eben die Mitgliedschaft im Fitnesscenter. Und das zählt doch sicherlich schon etwas… jedenfalls für unser Empfinden, das noch immer gemacht ist für eine Welt, in der jeder unnötige Energieverbrauch eine gefährliche Sache war.

Wirklich aber sind es sicherlich nicht die Fitnesstracker, die für einen gesunden Lebensstil ausschlaggebend sind. Auch nicht die Daten, die sie aufzeichnen – vor allem, wenn man sich diese nie genauer ansieht. Schlussendlich kommt es doch direkt auf den Lebensstil an…