Erste Gedanken zur Polar Vantage

Polar hat eben die neuen Sportuhren der Marke, die Polar Vantage M und Vantage V, angekündigt. Mit diesen erhalten die  M600 und V800 neue und modernisierte Nachfolger – und mit ihnen geht Polar in eine spezielle Richtung.

Allem Anschein nach wird die Marke sich sehr darauf konzentrieren, was sie am besten kann, Herzfrequenz und darauf aufbauende Metriken.

Die “Enttäuschung” wachsender Produkte

Die frühen Beta-“Reviews” haben so manche Person, die mit grossen Erwartungen auf alles gewollte gewartet hatte, ziemlich enttäuscht.

Manche Funktionen sind als “später” kommend angekündigt worden, manche Funktionen von den Vorgängermodellen sind gestrichen worden, einige Arbeit bleibt weiterhin notwendig.

Benachrichtigungen (vom Smartphone) etwa sollen erst um die Zeit der tatsächlichen Verfügbarkeit der Uhr erhaltbar werden. Navigation wurde zumindest vorerst überhaupt entfernt, nur ein grundlegendes “Back to start” soll demnächst kommen…

Den Kritikern, die immer gerne laut auf sozialen Medien ihre Meinung verkünden, kommt das alles sehr wie der Launch der Suunto Spartan Ultra vor. Jene Uhr hat auch nicht alle Funktionen der Ambit-Serie, die sie ersetzte, erfüllt. Auch so manche der Funktionen, die in ursprünglichen Marketingmaterialien vorkamen, sind schlussendlich nicht entwickelt worden…

Man wird also sehen müssen, wie sich die Dinge weiter entwickeln, im Lauf der Zeit. Die übliche Prozedur für solche elektronischen (computerisierten) Geräte gilt auch hier: Auf den Markt werden sie gebracht, wenn sie einigermassen funktionieren; dann werden Bugs ausgemerzt und neue Funktionen hinzugefügt.

Polar ist bei weitem nicht das erste (oder letzte) Unternehmen, dass diesen Ansatz verfolgt. Und mit der Mischung aus Produktentwicklung anhand von Kunden-Feedback und anhand von Unternehmensentscheidungen, in welche Richtung man sich fokussieren möchte, scheint das eigentlich ziemlich gut zu funktionieren.

Fokussieren auf Stärken

Kritisch bin ich eigentlich gerne, aber ich finde den Ansatz von Polar hier ziemlich gut: Sie konzentrieren sich darauf, was sie gut können, Herzfrequenz und Trainings-Metriken.

Polar Precision Prime
Polar Precision Prime oHR-Sensor in echt

Polar Precision Prime oHR

Schon das blosse Aussehen des Precision Prime oHR-Sensors mit seinen vielfachen LEDs in verschiedenen Farben/Wellenlängen und mit den Elektroden für die Feststellung eines Hautkontakts zeigt, wie ernst Polar es damit meint, anders als die anderen sein zu wollen. Die Erkennung, ob die Uhr gerade getragen wird oder nicht wird schon alleine einen Fortschritt in Sachen Datenqualität bedeuten.

In Anbetracht dieses speziellen Sensors ist es umso interessanter, dass Polar nicht einfach nur anpreist, alle möglichen Metriken, die auf Herzfrequenzvariabilitätsmessung aufbauen, gleich mit dem Precision Prime-oHR messen zu können.

Vielmehr ist für den eingebauten orthostatischen Test (mit dem sich der Erholungszustand verfolgen lässt, um Übertraining zu vermeiden) wie auch für die Recovery Pro-Funktionalitäten selbst mit der Polar Vantage V noch der Polar H10-Herzfrequenzsensor notwendig, ein Pulsgurt.

Die Vantage V wird darum sogar in einem Kombiangebot mit dem H10-Sensor angeboten; die Vantage M wird diese Funktionen nicht bieten.

Das Zielpublikum

Mit all solchen Trainings- und Erholungsdaten – natürlich neben Funktionen für die Trainingsaufzeichnung und -kontrolle, während man ein Training durchführt – wird klar, dass Polar sich auf wirklich athletisch eingestellte Sportler konzentriert.

Zu übersehen ist dieser Schwerpunkt nicht leicht. Schliesslich erklären die Marketingmaterialien die Vantage V zur Sportuhr für Athleten auf professionellem Niveau und solche Sportler, die wie Profis trainineren wollen – und die Vantage M wird auch als ernsthaftes Trainingswerkzeug erklärt, kein Spielzeug.

Funktionen

Wie die meisten aktuellen Sportuhren wird die Polar Vantage V und M als Trainingsgerät wie auch als Aktivitäts- und Schlaf-Tracker dienen. Vieles an Funktionalität ist das Übliche, aber einige bemerkenswerte Punkte gibt es anzumerken:

Aktivitätsaufzeichnung

Allem Anschein nach wird eine Polar Vantage nicht nur ein allgemeines Aktivitätsniveau aufzeichnen (und Sport extra). Vielmehr werden, so wie von manchen spezialisierten Fitnesstrackern, Phasen mit erhöhter Herzfrequenz (und intensiverer Bewegung) automatisch aufgezeichnet werden und tägliche Aktivität wird in verschiedene Intensitätsniveaus eingeteilt werden:

  1. Ruhe (Schlaf und Erholung, Sich-Niederlegen)
  2. Sitzen (oder andere passive Verhalten)
  3. Niedrige Aktivität (Arbeiten im Stehen, leichte Erledigungen im Haushalt)
  4. Mittlere Aktivität (Gehen und andere leichte Aktivität)
  5. Hohe Aktivität (Joggen, Laufen und andere intensivere Anstrengung)

Natürlich wird es auch Schritt- und Distanzaufzeichnung geben, Kalorienmessung und auch (wohl hoffentlich, wenn man das für notwendig hält) einen Inaktivitäts-Alarm.

Die Daten werden mit der Polar Flow-App synchronisiert und sind dort weiter analysierbar.

Das ist etwas, was ich ehrlich gesagt von meinen vielgenutzten Suunto-Uhren etwas vermisse. Schritte werden davon getrackt; es gibt eine Menge an Informationen über aufgezeichnete Trainingseinheiten… aber all die Zeit, in der ich überall hin gehe, erscheint in meinen Aktivitätsaufzeichnungen nirgendwo anders als bei blossen Schritten. Ich müsste sie als Sport aufzeichnen…

Polar Vantage V vs. Suunto 9 Baro
Polar Vantage V vs. Suunto 9 Baro
Suunto 3 Fitness vs Polar Vantage V
Suunto 3 Fitness vs Polar Vantage V

Schlafaufzeichnung

Was Schlafaufzeichnung angeht werden die Vantage laut Polar sowohl Dauer als auch Qualität messen.

Schlafqualität wird hier nicht über HRV gemessen (wie Suunto das auf der Suunto 3 Fitness macht), sondern anhand von Armbewegungen, als “ruhiger Schlaf” mit wenig Bewegung bzw. “ruheloser Schlaf” mit Unterbrechungen, angezeigt als eine Schlafkontinuität.

Schlafmuster werden wieder in  Polar Flow sichtbar und damit für Langzeit-Beobachtung verfügbar sein.

Vantage V Running HR
Basis-HR-Display auf der Polar Vantage V, Foto ©Polar

Training

Trainingsfunktionen werden natürlich der Schwerpunkt der Polar Vantage V und M sein.

Sie reichen von einer Vielzahl an Sportprofilen zu nutzereinstellbaren Trainingsanzeigen, von GPS-Tracking und Geschwindigkeit und Distanz vom Handgelenk zu Lauf-(Trainings-)Programmen, Herzfrequenz- / Geschwindigkeits- oder Tempo- / Power-Zonen, dem Running Index von Polar (deren Interpretation des VO2max), Höhe und Aufstieg/Abstieg, und vielem mehr…

Vantage V Cardio Load
Vantage V Cardio Load, Foto  ©Polar

Besonders interessant erscheint mir die Funktion Training Load Pro, die die Beanspruchung von Kreislauf, Muskeln bzw. die gefühlte Beanspruchung anzeigen soll.

Unterschiede zwischen Polar Vantage V und M

Zu bemerken ist auch, wie sich die Polar Vantage V und M in Bezug auf Trainingsfunktionen unterscheiden:

Die Polar Vantage V wird Recovery Pro-Funktionen (zur Erholungssteuerung) und einen orthostatischen Test anbieten (die beide allerdings den H10-Sensor brauchen!) und ausserdem Power beim Laufen gleich am Handgelenk messen. (Die Vantage M unterstützt Running Power, braucht dafür allerdings einen FootPOD wie – bzw. also – einen Stryd.)

Diese Unterschiede sind sehr gering; aber auch sonst gilt es nur zu bemerken, dass die M auch leichter ist (mit 45 gegenüber den 66 Gramm der Vantage V) und mit 30 Stunden (gegenüber 40) in der Trainingsaufzeichnung eine kürzere Laufzeit haben wird.

(Ausserdem hat die Polar Vantage V im Gegensatz zur Vantage M einen Touchscreen, aber meiner kurzen Zeit mit der Uhr nach wird dieser viel zu wenig genutzt; beim Training wird der Touchscreen überhaupt ausgeschaltet, um unabsichtliche “Knopfdrücke” zu vermeiden…)

Vantage V Running Power
Vantage V Running Power, Foto  ©Polar

Fazit

Mehr kann ich aktuell zu den Polar Vantage nicht sagen, habe ich doch nur ein paar Minuten in den Büros von Polar Austria damit verbracht.

Im aktuellen Zustand sind (Beta) “Reviews” auch nur bedingt sinnvoll; die Uhr wird sich schon, bis sie tatsächlich im Handel zu finden ist, um einiges verbessert haben.

Sehen wir mal, ob ich dann auch meine Hände auf eine bekommen und zeigen kann, wie sie funktioniert und wie man sie für sich am sinnvollsten nützen kann!

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4 Kommentare

  1. Kosse

    Sehr schöner und vorallen informativer Bericht.Danke dafür.Ich habe die V800 bin begeistert haber Jahre auf eine vergleichbare Uhr gewartet. Bin dann zu Suunto Spartan gewechselt und unterschreibe zu 100% was du dazu sagst. Hat ewig gedauert bis alles einigermaßen an Funktionen da war was sie angekündigt hatten.
    Anscheinend ist das jetzt so üblich das man ein Produkt bekommen das “zusammen ” weiterentwickelt wird!!! Finde aber das man das besser kommunizieren sollte und vorallem sollten die kommenden Updates Zeitnah sein.
    Gruss aus Berlin Andi

    • Ja, mit der Kommunikation (gerade im Zusammenhang mit Entwicklungszeit*) scheinen die Unternehmen so ihre Probleme zu haben.

      *Entwicklungszeit für Software ist wohl so ein Fall von “Erstens dauert alles länger und zweitens, als man denkt…”

  2. Die Uhr soll die “gefühlte Beanspruchung” zeigen? Wie soll sie die besser kennen, als ich selbst sie fühle?!?
    Wenn es schon ums Fühlen geht gefällt mir Suuntos Ansatz besser, mich nach dem Training zu fragen, wie ich mich denn gefühlt habe.

    P.S.: power ist auf deutsch Leistung

    • Ich denke ja, dass damit auch gemeint ist, dass die “gefühlte Beanspruchung” ebenfalls getrackt wird – indem man sie selbst definiert. Ginge ja wohl nicht anders…

      Ich kann Englisch durchaus übersetzen, aber spricht irgendjemand von seiner Laufleistung als etwas anderes als km und Zeit? (In deutschsprachigen Diskussionen dazu bin ich tatsächlich nicht genug drin; go figure.)

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